Ein Phänomen in der Musikgeschichte. Die Mischung aus hartem Rock, Folk, Blues und fröhlichen Melodien verleiht Jethro Tull seit 1968 ihren eigenwilligen Sound.
Ihre Musik, die als Blues mit experimentellem Einschlag begann, weist unbestreitbar Einflüsse aus klassischer Musik, Hardrock und Jazz sowie asiatischer und keltischer Folkmusik auf. Daher ist es sehr schwer, andere Musiker zu benennen, die ähnliche Musik machen. Mehr als andere Rockbands unterscheidet sich ihre Musik von der übrigen Rockmusik. Ein auffälliges Merkmal von Jethro Tull ist, dass Frontmann Anderson fast ausschließlich akustische Instrumente spielt: der ‚unplugged guy in a medium to heavy rockband‘. Er spielt hauptsächlich Querflöte und akustische Gitarre. ‚Meine Rolle im Leben war immer, ein akustischer Musiker zu sein, aber in den letzten 38 Jahren hatte ich ziemlich laute Freunde!‘
Anderson schreibt den Unterschied zwischen ihrer Musik und der anderer Prog-Rock-Bands unter anderem Jethro Tulls Abneigung gegen Drogen zu: ‚Ich kann es sicher sagen: Ich hasse Hippies, okay? Und ich hasse psychedelische Musik und ich hasse alles, was mit Drogen zu tun hat. Jethro Tull hat sich damit nie eingelassen.‘
Während andere Bands sie in den Anfangsjahren noch beeinflussten, entwickelten sie schnell einen einzigartigen, immer wieder erkennbaren Sound.
Mehr oder weniger bewusst entscheidet sich Anderson dafür, im Windschatten der Popwelt zu bleiben. Ein bisschen im Hintergrund, aber immer präsent, würde die Band seiner Meinung nach künstlerisch am Leben erhalten. Im Allgemeinen erhielt die Band im Laufe der Jahre oft überwältigend gute Kritiken. Sie sind bekannt als Exzentriker, Topmusiker und Menschen mit Humor. Ian Anderson lässt durch seine Texte wissen, dass er ein Sprachalchemist ist und legt bei seinen Konzerten verbal noch eine Schippe drauf.
31 Alben später treten die Herren immer noch auf. Die stabile Konstante über all die Jahre ist Flötist/Gitarrist Ian Anderson, der die Band durch diverse Besetzungswechsel führt. Die bekanntesten Songs der Gruppe stammen aus den späten 60er und frühen 70er Jahren: ‚Aqualung‘, ‚Locomotive Breath‘ und ‚Bourrée‘.
Top 2000
In der 23. Ausgabe der Top 2000 ist nur ein Eintrag zu finden, und zwar auf Platz 1112. Es handelt sich um den Song Locomotive Breath.
Sunday Morning Classic
Eine eigenwillige Band mit so viel schöner Musik passt definitiv auf unser Sunday Morning Classic Podium. Am 29. Oktober 2023 war es ihre Runde mit dem Album ‚Thick as a Brick‘ aus dem Jahr 1972.
Ian Anderson wurde nach der Veröffentlichung des hervorragenden Albums ‚Aqualung‘ von ‚seiner‘ Band Jethro Tull fast beschuldigt, ein progressives Konzeptalbum gemacht zu haben. Anderson bestritt dies in aller Deutlichkeit und war gegen diese seiner Meinung nach hochtrabende, interessierte Getue, dem sich andere Bands seiner Ansicht nach schuldig machten. Aus Trotz wollte er eine Art Parodie auf ein Konzeptalbum machen. Er sagte selbst dazu: ‚I’ll give you the mother of all concept albums‘. So komponierte er 1972 ‚Thick As A Brick‘, das ironischerweise ein absoluter Klassiker dieses Genres werden sollte.
Es war damals nicht ungewöhnlich, ellenlange Songs zu machen, die eine ganze Plattenseite einnahmen. Anderson ging bei seinem Vorhaben komplett über die Spitze und nahm dieses Phänomen auf die Schippe, indem er Thick As A Brick als einen einzigen Song schrieb. Nur die bekannten praktischen Einschränkungen der LP zwangen ihn, in der Mitte eine Pause einzulegen.
Fast ebenso legendär wie das Musikstück selbst ist die Verpackung. Das Originalcover wurde als Zeitung (The St. Cleves Chronicle) präsentiert, die zu einem zwölfseitigen Tabloid aufgefaltet werden konnte. Auf dem Zeitungscover prangt ein Bild des fiktiven achtjährigen Schülers Gerald Bostock, der ein humorvolles Gedicht über ‚die Jugend‘ eingesandt hatte, mit dem Titel… ‚Thick As A Brick‘. Und genau dieses Gedicht ist der Text des Albums. Um den Humor und die Ironie, die in TAAB stecken, gut nutzen zu können, ist übrigens etwas Kenntnis der Werke von Monty Python aus jener Zeit von Vorteil.
‚Thick As A Brick‘ ist ein Monument in der (Prog-)Rock-Geschichte. Das Gesamtpaket – Konzept, Musik, Texte, Cover, Humor, Ironie – war für die damalige Zeit bahnbrechend und hatte als ‚progressives‘ Werk mehr Qualität als so manches ‚ernsthafte‘ progressive Werk, auf das es eine Parodie sein sollte. Musik und Texte fordern den Zuhörer einiges ab. Die Gesamtkomposition ist komplex, enthält aber die bekannten Jethro Tull-Elemente Rock und Folk, während auch Jazz eingewoben ist. Bestimmte Passagen wirken so ‚natürlich‘ und frei gespielt, dass sie improvisiert erscheinen. Ganz falsch ist das nicht, da einige Stücke in einem Take aufgenommen wurden.
Ruhige Passagen mit akustischer Gitarre, Gesang und Flöte wechseln sich mit recht kräftigem Rock ab, mit einer Hauptrolle für das manchmal scharfe und aggressive Gitarrenspiel von Martin Barre. John Evan sorgt für eine für Tull beträchtliche Menge an Keyboardspiel, das stark zum progressiven Charakter des Ganzen beiträgt. Allgegenwärtig ist der Schöpfer all dessen, Ian Anderson, mit seiner charakteristischen Stimme, seinem akustischen Gitarrenspiel und seinem Markenzeichen: der Querflöte. Das fast dreiviertelstündige Epos ist eine Aneinanderreihung von Tempo- und Stimmungswechseln und besteht aus verschiedenen Themen, die immer wieder in Variationen zurückkehren. Ein kleiner Nachteil könnte sein, dass dies etwas zu viel des Guten ist. Das mag sein, aber es passiert so viel und die Passagen fließen so gut ineinander, dass Langeweile keine Chance hat. Ich gebe nur ein paar Beispiele: eine ausgedehnte Rockgitarrensolo, die plötzlich auftauchende Violine, ein herrlich melodisches Miniaturstück aus akustischer Gitarre, Flöte und unterstützendem Orgelspiel klingen wunderbar. Aber auch ein ausgeprägter Bass, stakkato gespielte Drums und ein Orchester, das aus dem Nichts auftaucht, sorgen für die dringend benötigte Abwechslung.
Eine vierzigste Jubiläumsausgabe, eine kürzlich erfolgreiche Tournee rund um dieses Werk und die Veröffentlichung einer Fortsetzung – ‚Thick As A Brick 2‘ – durch Anderson scheinen die Zeitlosigkeit zu unterstreichen. Aber die Urversion braucht das gar nicht. Thick steht immer noch wie ein Haus aus soliden Ziegeln.
von Fred Nieuwesteeg (Prog Wereld)
Quelle: NPO und Wikipedia Foto: Snafje und SDO 216
Nachfolgend findest du eine Auswahl der Alben, die Jethro Tull gemacht haben. Suchst du ein bestimmtes Album, lass es uns wissen. Wir suchen gerne mit dir zusammen!
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